Mitgliederportrait | Adrian Iten

06.04.2021 von Ondine Riesen

Wer sind diese Leute, die freiwillig Geld in einen Topf geben, um anderen eine Weiterentwicklung zu ermöglichen? Wie ticken die? Was machen die? Wir stellen euch hier ein erstes Mitglied vor.

 

Adrian Iten ist Gastrounternehmer aus Bern. Uns erzählt er, wie aus einem waghalsigen Sprung ein kleines Kaffee-Imperium wuchs und warum sich Sorglosigkeit für ihn auszahlt.

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«Als Kind hatte ich nur Flausen im Kopf»

Vonwegen! Ich bin überhaupt nicht mutig. Was andere fälschlicherweise als Mut identifizieren, ist in Wirklichkeit meine Sorglosigkeit. Leute, die mich besser kennen, nennen mich gelegentlich den «happy camper,» der nicht so viel nachdenkt. Das seh ich schon auch so. Zumindest habe ich es nie als Beleidigung empfunden. Im Gegenteil: Mein Leben ist darum so schön, weil ich mich nicht von Sorgen und Nöten aufhalten lasse. Ich glaube, diese Qualität hilft mir als Gastronom. Man muss flexibel sein, die Menschen ins Zentrum stellen und sowohl aufrichtig als auch bescheiden dienen und führen wollen.

Nach meiner Kochlehre und den in der Gastronomie typischen Wanderjahren, wollte ich nach 12 Jahren ständiger Bewegung einen Anker werfen. Mit 30 habe ich mir Bern als den Ort ausgesucht, wo ich ankommen würde. Ich war als Journalist und mit Freelance Jobs bei der Swisscom oder der Deza beschäftigt, als mein Bruder eine Firma verkaufte und sagte, er hätte nun Geld, das er in etwas investieren könne. Mit den Worten: «Lass uns was machen», hat alles begonnen. 

In jungen Jahren

Als jüngstes von fünf Kindern munkelte man, ich sei dem Teufel vom Karren gefallen. Ich hatte immer Flausen im Kopf, habe gekifft und Seich gemacht. Mein älterer Bruder Benno hingegen war studiert, stets fleissig, intelligent und leicht workaholisch unterwegs. Trotz Gegensätze haben wir immer schon darüber gesprochen, etwas Gemeinsames zu erschaffen. Was das sein könnte, hat sich dann nach und nach herauskristallisiert. 

Ich bin mit meinem Konzept für eine Café-Bar zu ihm. Erst schluckte er, als er die Summe von 750’000 Franken sah. Im Sinn hatte er maximal 100’000.-. Ich wollte aber was Richtiges machen. Das kostet eben Geld. So sind wir auf die Suche nach Geld gegangen und haben eine AG gegründet, was damals besonders vertrauensstiftend war. 

Bei Investoren ist es in etwa so: die kleinen investieren in Bars, die grossen haben Anteile an Restaurants und die schwerreichen finanzieren ganze Hotels. Das hat sich auch bei uns gezeigt. Wir sind durch die Kontakte meines Bruders an die Leute gelangt, die Freude an einem emotionalen Investment hatten und nicht damit rechneten, dass wir nun einen Schweizer Starbucks aufziehen. Für die Gründung habe ich auch einen Bankkredit aufgenommen. Und alles habe ich mit meinem Namen verbürgt. Im Nachhinein denke ich schon «Jesses, was für ein waghalsiger Sprung». Hätte es nicht funktioniert, hätte ich die nächsten 10 bis 15 Jahre damit verbracht, das Geld irgendwie zurückzahlen zu müssen und wäre heute sehr wahrscheinlich ein Kokosnussverkäufer auf Barbados. Nein, Leute mit Sicherheitsgedanken hätten das nicht gemacht. Ich sag ja: Meiner Sorglosigkeit habe ich viel zu verdanken. Und dem Glück. Und den Leuten, die mir helfen.

So sind wir auf die Suche nach Geld gegangen und haben eine AG gegründet.

Wir haben zwei Jahre nach der richtigen Location gesucht und sogar an Zürich und Basel gedacht. Aber durch den Vater einer Bekannten habe ich von einem Tearoom erfahren, das die besten Jahre der 70er und 80er längst hinter sich hatte. Die Vermieter, eine Erbengemeinschaft, wünschten sich einen verlässlichen Mieter. Und so habe ich ihnen mein Dossier gesteckt. Sie haben alle vorherigen und späteren Angebote in den Wind geschlagen. Weil sie etwas Gutes wollten, etwas, hinter dem sie stehen konnten. Nur so hatte ich diese einmalige Chance. Den Tearoom haben wir abgerissen und das Adrianos aufgebaut. Der Standort ist wahnsinnig gut. Ich erinnere mich daran, wie ich meinem Bruder sagte: «Wenn ich es nicht mit der Gastronomie schaffe, dann verkaufe ich Jeans – hier gehe ich nicht mehr raus.» Das war 1998 und seither ist das Adrianos fester Bestandteil der Berner Gastrolandschaft.

Das erste Logo
Adrian röstet die Kaffeebohnen
Exkursion zur Kaffeeplantage

Nein, Leute mit Sicherheitsdenken hätten das nicht gemacht

Inzwischen betreiben wir mit Adrianos Bar & Café und unserem zweiten Standort VERSA, zwei Bars, eine Kaffeebrennerei, einen Kaffeeladen, einen Onlineshop, eine Reparaturwerkstatt, führen Baristaschulungen durch und haben mittlerweile zwei eigene Kaffeepadmaschinen auf dem Markt: «The Else», weil mich der Nespresso-Slogan «what else..» etwas genervt hat. Und seit 2020 «The Other», die Padmaschine, die etwas mehr kann mit Teewasserbezug und Dampflanze.

Das Adrianos. Kaum jemand in Bern kennt die Front der ikonischen Bar nicht.
Seit 23 Jahren wird im Adrianos Kaffee getrunken

Als die Pandemie anrollte und die getroffenen Massnahmen die Gastrobetriebe schloss, sagte ich: «Wir überleben um jeden Preis.» In der Geschäftsleitung haben wir unsere Löhne runtergeschraubt, mit unseren Vermietern gesprochen und alles unternommen, um zu überleben. Mitten im Lockdown haben wir einen Pop-Up am Berner Bahnhof eröffnet und somit neue Arbeitsplätze geschaffen. Das chinesische Wort für Krise bedeutet, glaube ich, sowohl «Gefahr» als auch «Chance». So seh ich es auch.

Mir gefällt die zero asshole policy

Ich bin eine eher faule Person. Das ist ja nicht nur schlecht. Faule sind effizient und nutzen ihre Kreativität. Zumindest ich – schliesslich will ich Resultate erzeugen. Und es sind immer auch andere Menschen da, die mir helfen. Dazu gab es ein Schlüsselerlebnis. Bevor das Adrianos die Türen öffnete, war es mit Hintergrundunterstützung meines Bruders faktisch eine One-Man-Show. Ich merkte «shit», jetzt muss noch eingeräumt und die Kasse programmiert werden. Ich habe Leute angestellt und instruiert, weil es alleine nicht mehr ging. An einem Abend verabschiedete ich mich frühzeitig, weil ich dringend schlafen musste. Als ich am nächsten Tag kam, merkte ich: «Wow, das läuft auch ohne mich». Ich habe realisiert, dass da Menschen sind, die mir helfen, meine Idee umzusetzen und Spass dabei haben. Das ist bis heute so. Das macht mich unglaublich dankbar und glücklich. Das Adrianos hat 17,5 Stunden an 7 Tagen in der Woche geöffnet. Das geht alleine ja gar nicht. 

Ich habe Freude an meinen Mitarbeitenden. Mir ist wichtig, dass sie ihre Stärken entfalten und ihre Persönlichkeit leben dürfen. Ich bestärke sie darin, sich Kompetenzen zu nehmen. Anfangs haben sie von morgens um 06:00 bis nachts um 02:00 angerufen. Auf ihre Frage, was sie machen sollen, habe ich jeweils mit der Gegenfrage: «Was würdest du tun?» geantwortet. Wenn man drei Monate lang immer dieselbe Gegenfrage erhält, gewinnt man, auch wenn es nervt, Selbstvertrauen selbst das Ruder zu übernehmen. Das ist mein Ziel. Wenn jemand einen Fehler gemacht hat, sag ich «Toll, hast du das Problem selbstständig gelöst. Für den Betrieb wär’ es beim nächsten Mal besser es so zu machen». So wissen sie, dass sie selbständig denken und auch Fehler machen dürfen. Es gibt diesen arbeitsphilosophischen Ansatz der «zero asshole policy», der mir gefällt und dafür sorgt, dass die Stimmung innerhalb des Unternehmens besser ist. Das heisst, man macht sich gegenseitig nicht nieder, klaut keine Ideen, äussert sich nicht sarkastisch etc.

Ich habe das Gegenteil davon bei Banken und der Verwaltung erfahren. Die Angst, die da mitschwingt, ist destruktiv. So will ich nicht führen. Wenn im Service keine gute Stimmung mitschwingt, ist es nur brutal. Ich will, dass meine Mitarbeitenden eine gute Zeit haben, während sie den Gästen eine gute Zeit verschaffen. Ich will meine Sorglosigkeit auf andere übertragen. 

Adrian an der Front mit Mitarbeitern

Mir ist lieber, ich arbeite ethisch und teile im Kleinen.

Warum ich bei Ting dabei bin?
Ich bin nicht dabei, weil ich eine Idee verwirklichen will. Ich habe mein Gefäss gefunden, mit dem ich meine Ideen ausleben und die Welt ein kleines bisschen besser machen kann. Aber ich sehe die ersten Projekte, die mithilfe der Ting-Community verwirklicht werden. Sie sind so wichtig und können nur gemacht werden, wenn die Leute die nötige Zeit und Musse haben, sie umzusetzen. Das will ich unterstützen. Ich habe Mühe mit superreichen Unternehmern, die Milliarden auf Kosten anderer scheffeln und dann, wenn sie nicht mehr wissen, wohin damit eine Stiftung gründen. Mir ist lieber, ich arbeite ethisch und teile im Kleinen, damit wir alle eine positive Zukunft mitgestalten können. 
 

«Mein Leben ist darum so schön, weil ich mich nicht von Sorgen und Nöten aufhalten lasse.»
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