Unternehmerin und Mutter Karin G. sitzt am Computer-Arbeitsplatz mit Babyphone auf dem Tisch

Unternehmerin und Mutter: Zwischen Businessplänen und Kita-Rechnungen

09.06.2026 von Anina Mutter

Karin Gutzwiller wollte beides: Unternehmerin sein und Mama. Doch als die Realität der Schweizer Kinderbetreuungskosten auf die saisonalen Durststrecken ihres Start-ups prallte, stand sie kurz vor dem Aus. Eine Verschnaufpause von Ting änderte alles – nicht nur finanziell, sondern auch in ihrer Beziehung zu Geld.

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Eigentlich hatte Karin einen klaren Plan. Sie hat Betriebswirtschaft studiert, jahrelang in gut bezahlten Consulting- und IT-Jobs gearbeitet und sich ein solides finanzielles Polster aufgebaut. Doch da war immer diese eine Frage, die sie schon seit ihrer Kindheit in Guatemala begleitete:

Wieso habe ich mehr und andere weniger? Und wie kann ich dazu beitragen, dass die Welt ein Stück gerechter wird?

Die Antwort darauf war die Gründung von Animazul – einer Plattform für lateinamerikanische Mode- und Designmarken, die Newcomern den Marktzugang in die Schweiz ermöglicht und gleichzeitig soziale Projekte vor Ort unterstützt. Voller Idealismus und Optimismus startete Karin in die Selbstständigkeit.

Dann kamen ihre Jungs. Und mit ihnen eine Realität, die in keinem Businessplan stand.

Das “Mutter-Unternehmerin-Paradoxon”

Mehrfache Mami zu sein und gleichzeitig ein Business zu führen, ist eine strukturelle Zerreissprobe. In der Schweiz stehen Frauen oft vor einer harten, fast absurden Entscheidung: Bleibe ich zu Hause, weil es günstiger ist, oder arbeite ich und gebe mein fast gesamtes Einkommen für die Kinderbetreuung aus?

Karin merkte plötzlich:

Alles, was ich an einem Event oder Pop-up verdiene, fliesst direkt in die Kita, damit ich überhaupt arbeiten kann. Die Rechnung geht einfach nicht mehr auf.

Karin G.

Karin Gutzwiller-Schreiner aus Zürich

Mitglied

Januar, Februar und März sind ohnehin harte Monate, um Mode zu verkaufen. Die Umsatzeinbrüche kamen bei Animazul genau in der Phase, in der die Fixkosten für die Familie am höchsten waren. Karin war erschöpft. Der Druck, neues Fundraising zu betreiben, während zwei kleine Kinder ihre volle Aufmerksamkeit brauchten, war erdrückend. Sie stand an einem Wendepunkt, den viele selbstständige Mütter kennen: Musste sie ihren Traum aufgeben und die Firma schliessen?

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Die Scham, als Unternehmerin Hilfe zu brauchen

Auf dem Social Economy Forum hörte Karin das erste Mal von Ting. Unser Co-Gründer Silvan Groher stellte dort das Konzept vor: Eine Community, die bedingungslos Geld zusammenlegt, damit Menschen ihr “Ding” machen können. Karin war begeistert von diesem frischen Wind und trat sofort bei – damals noch rein aus Interesse an diesem solidarischen, sozialen Experiment, ohne die Absicht, selbst jemals Geld zu beziehen. Doch als die finanzielle Situation Monate später immer enger wurde, erinnerte sie sich daran. Einen Antrag bei uns einzureichen, kostete sie jedoch enorme Überwindung.

 

Unternehmerin und Mutter Karin G. sitzt am Computer-Arbeitsplatz mit Babyphone auf dem Tisch
Play (1:43)

Wir alle haben oft eine schwierige, tief sitzende Beziehung zu Geld. “Wenn man aus gut bezahlten Corporate-Jobs kommt, ist man es gewohnt, alles allein zu stemmen.”, erklärt Karin. Zu sagen: “Ich brauche Hilfe”, fühle sich im ersten Moment wie Versagen an. Karin erzählt ganz offen, dass sie sich schämte und Angst hatte, die Community würde denken, sie hätte einfach keinen Plan.

Ting - kurz erklärt

Ting ist eine Community-Plattform die sinnhafte Vorhaben mit Impact finanziert. Mit monatlichen Beiträgen bauen wir ein gemeinsames Vermögen auf, das Mitgliedern transparent und in Form eines zeitlich begrenzten Einkommens zur Verfügung steht. Ting wurde geschaffen, um Menschen zu befähigen, Vorhaben in die Tat umzusetzen, die positiv auf ihr Leben und die Gesellschaft wirken.

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Ein Vertrauensvorschuss von Fremden

Die Zusage für das Community-Geld schenkte Karin eine tiefe Erleichterung.

“Das Geld von Ting hat nicht all ihre Probleme über Nacht gelöst.”, sagt Karin.  Aber es habe ihr etwas viel Wertvolleres geschenkt: “Zeit und Raum zum Atmen. Eine Verschnaufpause von den existenziellen Sorgen. Ich musste im Januar nicht panisch überlegen, wie ich die nächste Kita-Rechnung bezahlen soll.” Stattdessen konnte sie sich fokussieren, nach Südamerika reisen, ihre Produzent:innen treffen und ihre Rolle als Unternehmerin und ihr Geschäftsmodell in Ruhe überarbeiten.

Was Karin dabei am tiefsten berührt hat, war die Psychologie dahinter: “Da waren Menschen in der Ting-Community, die mich und mein Produkt überhaupt nicht kannten. Und sie sagten trotzdem: ‘Ich kenne dich nicht, aber ich vertraue dir als Mensch. Ich gebe dir diese Chance, etwas zu bewirken.’” Dieses Gefühl, dass eine Gemeinschaft bedingungslos an einen glaubt, verändert etwas in uns. Es hat Karin den Mut gegeben, einen Weg zu finden, wie sie langfristig beides sein kann: eine präsente Mama und eine engagierte Unternehmerin.

Unternehmerin Karin checkt eine Tasche auf ihre Qualität
Die engagierte Sozialunternehmerin Karin G. macht die Qualitätskontrolle im eigenen Wohnzimmer.

Das Prinzip der Solidarität

Heute läuft Animazul weiterhin. Karin hat gelernt, dass man nicht alles gleichzeitig und im Vollgas-Modus machen muss. Sie hat ihr Pensum temporär etwas reduziert, aber das Projekt besteht und wächst so, wie es ihre aktuelle Lebenssituation erlaubt.

Besonders schön: Karin ist bis heute bei Ting aktiv – jetzt wieder als reine Geberin. Für sie ist es ein zutiefst solidarisches Prinzip. “Ich möchte genau die Chance, die mir damals den Kopf über Wasser gehalten hat, an andere weitergeben.”, erklärt die Unternehmerin. Denn gerade im sozialen Unternehmertum brauche es einen langen Atem.

Wenn Karin heute andere Mütter oder Gründerinnen fragen, was ihr wichtigster Rat ist, sagt sie: “Bleib dran, wenn es irgendwie geht. Und vor allem: Such dir Hilfe. Das Leben verändert sich, Ziele verschieben sich, und die Realität hält sich selten an den perfekten Businessplan.” Hilfe anzunehmen sei kein Zeichen von Schwäche, sondern oft der einzige Weg, um am Ball zu bleiben.

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Author

Anina entwickelt gemeinsam mit Mael als RØNYA Conscious Content Collective Inhalte, die bewegen und berühren.
 

«Nachhaltigkeit, Fairness und gesellschaftliche Verantwortung 
gehören für mich untrennbar zusammen.» 
Anina Mutter
 

Ihr Weg führte über einen Bachelor in Design Management zu einer langjährigen selbständigen Tätigkeit als Content Creatorin im Bereich Nachhaltigkeit. Egal ob Storytelling, Text, Schnitt, Konzeption, Regie oder visuelle Gestaltung - Anina’s authentische Art, Inhalte aufzubereiten, berührt und überzeugt. Die ausgebildete Schauspielerin und Tänzerin nutzt ihr fundiertes Wissen und ihren umwerfenden Charme um das Thema Nachhaltigkeit auf lustvolle Weise einem breiten Publikum greifbar zu machen. Ihre bedachten Inhalte entstehen sowohl vor als auch hinter der Kamera, immer mit Blick auf Wirkung und Kontext. Bei Ting bringt Anina ihre langjährige Erfahrung ein, um Geschichten zu entwickeln, die nicht nur gut aussehen und Haltung transportieren sondern auch zum Weiterdenken anregen.

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